Dienstag, 7. August 2007

Der Laden läuft

Prima, der DAV-Ratgeber hat nicht nur prima Tipps für den Start, sondern auch Ideen, wie es denn weitergeht. Bei mir ist es Seite 214. Nebenbei habe ich mir heute die neue Auflage bestellt.

Eigene Lebenshaltungskosten: 1. - 4. GJ: 500,00 Euro, 5. GJ: 800,00
Schon seltsam: Da kommt man 4 Jahre mit 500,00 Euro hin, und plötzlich braucht man 800,00. Ein Erklärungsversuch wird folgen. Wofür eigentlich 500,00 Euro? Ein ALG-II-Empfänger bekommt 347,00 Euro für den Bedarf. Warum braucht der gründende Anwalt mehr? Rechnet man die Versicherungen mit rein, also Krankenversicherung und Beiträge zum Versorgungswerk, zahlt man schon hierfür etwa 300,00 Euro. Warum kommt denn der Anwalt mit so wenig aus?

Miete Privatwohnung: 1. - 5. GJ: 500,00 Euro

Das Einzige, was sich in den fünf Jahren nicht ändern wird, ist die Wohnung den Existenzgründers. Jetzt muss ich doch mal an den Anfang des Aufsatzes blättern ... Prof. Dr. Hommerich aus Bergisch-Gladbach. Tatsächlich wird sich nach meiner Auffassung das Umziehen nicht lohnen, denn eine Wohnung zu diesem Preis bewohne ich "auf dem Lande" gemütlich mit vier Personen. Keine Ahnung, wieviele Kinder der Existenzgründer hat. 1.000,00 Euro hatte ich als Referendar wegen meiner beiden Kinder. Knapp 850,00 Euro waren es ohne. Ein ALG II-Empfänger bekommt 231,00 Euro für eine angemessene Unterkunft. Hier in meiner Gegend zumindest.

Zwischenergebnis: 800,00 Euro muss als Eigenbedarf reichen. Später kommen nochmal kurze Bemerkungen hierzu.

Miete: 1. - 2. GJ: 500,00 Euro, 3. + 4. GJ: 550,00 Euro, 5. GJ 600,00 Euro
Mietnebenkosten: 1. GJ: 150,00 Euro, 2. + 3. GJ: 200,00 Euro, 4. + 5. GJ: 250,00 Euro
Okay, bei der Miete über den Tisch gezogen: Bei dem derzeitigenm Leerstand in groß- und mittelstädtischen Innenstädten wird die Miete mit ein wenig Verhandlungsgeschick billiger. Pistole auf die Brust: "50,00 Euro weniger oder ich ziehe ein Haus weiter."
Brilliant gelöst die Sache mit den Nebenkosten: Diese steigen in der Kanzlei, bleiben in der Wohnung aber gleich. "Wurde wohl bei der Wohnung vergessen." Nein! Natürlich nicht, der Autor ist Jurist, der vergißt nichts. Er heizt nur zuhause nicht mehr, weil er immer mehr Zeit in der Kanzlei verbringt. Denn in der Kanzlei kann man die Nebenkosten absetzen. Gleichzeitig der Schluss: Unser Existenzgründer hat zuhause keine Kinder.
Ein wenig verwunderlich ist, dass die Geschäftsmiete nur geringfügig größer ist als die Wohnungsmiete. Lässt nur den Schluss zu, dass die Wohnung zu groß, die Kanzlei zu klein oder der Immobilienmarkt vor Ort außer Kontrolle ist.

Zinsen für das Darlehen bei den Eltern, Rückzahlung Gründungsförderung und Zinsen für das Gründungsdarlehen
Streifen wir nur kurz: Tolle Eltern, die von ihrem Kind Zinsen nehmen. Gut, dass wir von unseren Eltern kein Darlehen brauchten.
Gründungsforderung brauchten wir auch nicht.
Jetzt wird es aber sehr interessant: Obwohl wir eine Seite vorher kein Darlehen unserer Hausbank brauchten, zahlen wir plötzlich 7,74 % Zinsen! Monatlich 64,50 Euro. Auf genau 10.000 Euro. Die Gründungsförderung kann es nicht sein, denn wir zahlen die ganzen fünf Jahre monatlich diesen Betrag, haben also offensichtlich keine Tilgung. Der Existenzgründer sollte dringend mit seiner Bank sprechen.

Personalkosten inkl. Sozialausgaben: 1. GJ: 0,00 Euro, 2. + 3. GJ 650,00 Euro, 4. + 5. GJ: 1.500,00 Euro
Okay, der Existenzgründer plant im 2. GJ auch 3.660,00 Euro Umsatz. Er muss ja auch im 2. GJ keinen einstellen, ist ja eine Planung. Dann sollte er aber auch mal überlegen, ob er nicht ein Förderprogramm der Bundesanstalt nutzt. Da gibt es eine/n Vollzeitmitarbeiter/in ab 200,00 Euro aufwärts. 650,00 Euro inkl. Sozialausgaben dürfte aber auch eine Halbtags-ReNo sein. Noch.

Im zweiten Jahr der Vollzeiteinstellung der drei ReNos (GJ 5) steigt plötzlich der Eigenbedarf des Gründers. Ich sehe da Zusammenhänge.

EDV-Technik (Wartungsverträge): 1. + 2. GJ: 0,00 Euro, 3. - 5. GJ: 100,00 Euro
Wohlgemerkt im Monat. Die ersten zwei Jahre gar nicht. Dann kommt der erste TÜV, Ölwechseln, Rost wegmachen und Festplatten putzen ... Klar, kostet schon 1.200,00 Euro im Jahr ...

Telefon: 1. + 2. GJ 150,00 Euro, 3. GJ 200,00 Euro, 4. + 5. GJ 300,00 Euro
Den Posten mag ich: Geht nämlich ein bisschen billiger: Telekom: 35,00 Euro für Faxen und Grundgebühr, 29,00 Euro Alles-in-allem-flat für den Rest. Macht 64,00 Euro. Großartige Steigerung sind nicht in Sicht. 300,00 Euro halte ich für unerreichbar. Ich hab dann noch eine 0800-Nummer. Überflüssiger Luxus.

Ein ALG-II-Empfänger zahlt sein Telefon übrigens aus seinem Bedarf. Von daher müsste man hier bei den 500,00 Euro wieder ein bisschen abziehen.

Fotokopierer (Wartung): 1. - 2. GJ 0,00 Euro (!), 3. GJ 25,00 Euro, 4. - 5. GJ: 30,00
Bam, bam, bam! Hier schlägt der Autor auf die Realität. Hätte er nur einmal das Diktiergerät beiseite gelegt und wäre zu irgendeiner ReNo gegangen, oder eine Paralegale, und hätte mal freundlich gefragt, wann der Kopierer das letzte Mal gewartet wurde, wäre die gefragte sicherlich weinend zusammengebrochen. Das Teure an einem Kopierer ist zudem nicht die Wartung (denke ich, denn ich habe nie eine betreffende Rechnung gesehen), sondern die Zeit in ReNo-Stunden (wenn eine von denen ihren 12-Stunden-Tag mit Papierstaubeseitigen zubringt, ist man schnell bei 60,00 Euro). Das gibt dicke Abzüge bei den eigenen Lebenshaltungskosten. Ich würde mich auch schonmal nach einer anderen Wohnung umsehen.

Bürobedarf: 1. GJ: 100,00 Euro, 2. GJ 150,00 Euro, 3. GJ 200,00, 4. GJ: 250,00 Euro, 5. GJ: 300,00 Euro
Jaja, dieses teure Briefpapier. Und wenn man sich dann auf der Schreibmaschine noch vertippt. Jetzt ehrlich: Wirklich schlimm ist nur das Porto, welches ich hier mal mit reinrechne. Da bin ich schnell mal auf 70,00 Euro. Bleiben für mich nach dieser Rechnung 80,00 Euro im Monat. 1.000 Umschläge kosten etwa 15,00 Euro, 2.000 Seiten Papier etwa 20,00 Euro. Also, 100,00 Euro reichen deutlich.

Beiträge an Kammern, DAV
Die läppern sich. 360,00 Euro im Jahr kommt hin.

Fachliteratur, Zeitschriften: 1. und 2. Jahr 50,00 Euro, 3. - 5. Jahr 100,00 Euro
Fortbildung: 1. und 2. GJ 50,00 Euro, 3. - 5. GJ 100,00 Euro
Das Thema hatten wir schonmal: Wenn man in der Gründung 2.000,00 Euro für seine Bibliothek aufwendet, sollte man keine 600,00 Euro mehr zahlen müssen im ersten Jahr. Wir haben nur die laufenden Kosten für die NJW und Beck online.
Fortbildung sollte zumindest die ersten zwei Jahre (bis der Fachanwalt interessant werden könnte) durch Lesen der Bücher aus der Bibliothek (Wir haben immerhin 2.500,00 Euro + x ausgegeben, da liest man lange dran) und vor allem durch nettes Kaffeetrinken oder nette Telefonat mit netten Kollegen erfolgen. Lernt man mehr, als an einem Wochenendseminar.

Buchhaltung: 1 GJ: 0,00 Euro, 2. GJ 125,00 Euro, 3. + 4. GJ 200,00 Euro, 5. GJ 250,00 Euro
Warum braucht man erst ab dem 2. GJ eine Buchhaltung. Und kostet die echt 1.500,00 Euro im Jahr? Naja, irgendwann kommt die Steuerprüfung, dann werde ich sicher anders über Buchhaltung denken. Momentan habe ich aber das Gefühl, dass ich auch ohne auskomme.

Geschäftswagen, Reisekosten: 1. GJ 50,00 Euro, 2. GJ: 100,00 Euro, 3. GJ: 150,00 Euro, 4. GJ: 200,00 Euro, 5. GJ 300,00 Euro
Nicht nachvollziehbar. Im 1. GJ hätte ich gerade Steuern und Versicherung meines Autos zahlen können. Egal, da ich eh lieber mit der Bahn fahre. Das 2. GJ dürfte realistisch sein. Warum man die große Karre schon jetzt planen muss und nicht erst, wenn der Laden wirklich läuft, verschließt sich mir. Als Bankmensch oder Elter würden mit den 3.600,00 Euro im 5. GJ schon sauer aufstoßen.

Werbung: 150,00 Euro im Monat
Halte ich für viel. Gerade die ersten Monate sollte man sein Geld zusammenhalten, aber auch schon ein bisschen werben. Mehr zu dem Thema später.

Ergebnis:
Die fixen Kosten sollten deutlich unter 2.000,00 Euro bei einem Alleinstehenden liegen. Klar, mit dem Erfolg steigen auch die Kosten, aber das ist auch der Punkt: Nur wenn ich Mandante habe, verbrauche ich Telefoneinheiten, Papier, Porto, etc.

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

ist eigentlich die gewerbliche Nutzung der Telekom Flat erlaubt?

Anonym hat gesagt…

Jeder Start-Up-Einzelanwalt, der sich ernsthaft mit Existenzgründung befasst, wird sehr schnell merken, dass der DAV-Ratgeber Business Plan völlig an der Realität vorbei geht.

Die Preiskalkulation liegt gänzlich neben der Sache und zeugt von einem Autor, der irgendwann einmal durch einen 90er-Jahre Hochglanzprospekt von S. geblättert hat.

Bei diversen Posten fragt man sich, was man als Einzelanwalt damit heutzutage noch soll. Ich diktiere mir manchmal auch selbst was auf mein Band.. im Kopf. Wem soll ich denn bitte schön was diktieren? Der fiktiven ReNo?
Beim Newbie-Anwalt? Die halte ich sowieso für überflüssig. Akquise heisst für den Anfänger aktiv den Markt angehen und nicht hinterm Tresen hocken und zocken ;-)

Wer gut quatschen kann, schafft es zumindest, den Anrufer aus der Umgebung in die Kanzlei zu bekommen. Je nach
Laune der Telefondame kann das für den Anfänger schon ein erstes Hindernis sein. Na ja, wer das nicht kann, geht halt in die Grossbude ;-)

Ihrer Kalkulation stimme ich größtenteils zu.

Eine gut geführte Kleinbude hat so manchen Vorteil. Die Burnrate ist niedrig und Leute trauen sich ins Haus.

exklka hat gesagt…

Ich habe mich zumindest als "Firma" angemeldet.

Und anonym, der 2.:
Sehe ich ganz genauso. Mein Ziel ist es derzeit, dem Einsteiger das Einzelanwalttum wieder schmackhaft zu machen. Die Kosten können minimal gehalten werden, die Chancen sind, natürlich je nach Anspruch und den persönlichen Verhältnisses, nicht schlecht.

setrok hat gesagt…

Kommen daher die 70 € mtl für die Flatrate, weil Sie die gewerblich nutzen? Oder ist es eine mit 12 MBit/s? Sonst reichen doch auch schon 20-40 €.

exklka hat gesagt…

Es ist ein Pauschaltarif eines großen Anbieters. Der Name dieses Tarifs beginnt mit "4". ;)

Anonym hat gesagt…

offensichtlich haben Sie eine ganz andere GEgend als der Autor Ihres Handbuches. im Kölner raum (wozu auch bergisch gladbach zählt) ist eine Wohnung für 500 € billig, gewerberaum aber ganz gut anmietbar.
Werbung ist das a und o, wir geben in unserem 3. gj zur Zeit allein für die telefonbücher ca. 7000 € im Jahr aus. das ist viel und tut auch richtig weh, ist aber unvermeidbar, um irgendwann das einkommen hoch zu kriegen.
und ja, nach zwei jahren einkommen bei ca. hartz IV geht mir die luft aus, ich will jemanden haben, der meine wohnung putzt, wenn ich schon den ganzen tag im büro sitze, ich will auch mal essen gehen, ohen daß mich wohlmeinende Freude, die was anderes studiert haben, einladen müssen etc. von urlaub rede ich schon gar nicht.
telefonkosten: unsere flatrate ist nicht mit handy-telefonaten unsere manantenstruktur aber in der regel fast ohne festnetz.
diktieren: wir haben (zu zweit) nach einem jahr eine azubine eingestellt, einfach weil die den ganzen quatsch machen kann.

Anonym hat gesagt…

Was mich als angehender Jurist vor allem mal interessieren würde:

Ist das Gehalt von Einzelanwälten die sich direkt nach dem Examen selbstständig machen wirklich im Durchschnitt bei ca. 1500 Euro Brutto oder sogar weniger? Oder sind solche (Horror-) Angaben das in Deutschland übliche Gemeckere und Schlechtgerede?

exklka hat gesagt…

Wie ich schon mal irgendwo schrieb: In den ersten drei Monaten hatte ich gar keinen Gewinn wegen der Startausgaben.

Mehr erwarten würde ich an Ihrer Stelle im ersten Jahr jedenfalls nicht.